Bahnhof Lübstorf
Ein Neubeginn mit Hindernissen

Eine bewegte Vergangenheit - wenn Mauern reden könnten

Das Bahnhofsgebäude hat seit seinem Bau im 19. Jahrhundert viel erlebt. Errichtet als Empfangsgebäude für den Herzog von Mecklenburg, beherbergte es später neben den Mitarbeitern und Einrichtungen der Bahn auch Wohnungen, Kneipen und Gewerberäume. Der Bahnhof überlebte nicht nur zwei Weltkriege und fünf politische Systeme, sondern auch weitestgehend fehlende Instandhaltung seit den 1990er Jahren und die völlige Verwahrlosung und Ausplünderung durch einen Esslinger Immobilienspekulanten von 2011 bis 2016. 

Errichtung und Bauweise

Die Mecklenburgische Zeitung vom 31. Juli 1897 berichtete, dass auf Anweisung des Herzoges der Ausbau des später als Bahnhof Wiligrad benannten Bahnhofsgebäudes am Gleisanschluss in Lübstorf begonnen wurde.  Zusätzlich zu dem bereits bestehenden Hauptgebäude wurde eine Empfangshalle mit Warteräumlichkeiten für Gäste des Fürsten eingerichtet, weiterhin das eigentliche Fürstenzimmer eingerichtet, welches ausschließlich der Familie des Herzoges vorbehalten war. Das  zum Schienennetz der Großherzoglich Mecklenburgische Friedrich-Franz-Eisenbahn (M.F.F.E) gehörende Gebäude wurde in den Grundmauern mit rotem Backstein errichtet und wurde umlaufend mit in weiß gehaltenen Blendnischen versehen. Das Obergeschoss wurde hingegen im Fachwerkstil mit gemauerten Ausfachungen ausgeführt, wobei hier die erste Ziegelreihe einer Ausfachung in rotem Backstein, die übrigen mit gelbem Backstein ausgemauert wurden. Passend hierzu wurden auch die Fugen nicht einfach in Betonfarben gehalten, sondern auch je nach Farbe des Backsteins in gelb oder rot. Das ursprünglich nur durch eine Holzlasur geschützte Fachwerk wurde farblich abgeändert und rot gestrichen. Wie beim Schloss in Willigrad wurde der Bahnhofsbau dadurch an die deutschen Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot angepasst, d.h. schwarze Dachziegel bzw. Schiefern, rote Fachwerkbalken und weiße Blendnischen in der unteren Fassade. 

In Lübstorf wurden der Herzog und seine Gemahlin mit der Kutsche empfangen und in das zweieinhalb Kilometer entfernte Wiligrad gefahren. 1908 sorgten der Stationsvorsteher Johann Oldenburg und die beiden Weichenwärter Christian Kort und Wilhelm Tempe für den reibungslosen Betriebsablauf auf dem schlossnahen Bahnhof der Friedrich-Franz-Eisenbahn.

Die Namengebung Bahnhof Wiligrad erfolgte in direktem Bezug auf das fürstliche Anwesen. Diese Bezeichnung blieb bis zum Ende der Monarchie und den Anfängen der Weimarer Republik erhalten. 

Ende der Monarchie und Umbau der fürstlichen Räume

Nach der Abdankung des Fürstenhauses wurde den Mitgliedern der Großherzoglichen Familie das Betreten der Fürstenzimmer verboten und der Bahnhof komplett umgebaut. Die Veränderungen haben das Erscheinungsbild und die Funktion des Gebäudes stark verändert: 

  1. Im südlich gelegenen Fürstenzimmer wurden jegliche Mahagonivertäfelungen und Marmorverkleidungen entfernt, neuer Nutzer der Räumlichkeiten war der Bahnhofsvorsteher und sein Tresor
  2. der ursprünglich mit einer gewaltigen und kunstvoll errichteten Überdachung versehene Eingangsbereich mit Doppelflügeltür wurde abgerissen und durch das noch heute vorhandene Stellwerk der Reichsbahn ersetzt. 
  3. die ursprünglichen Haupteingänge auf der Ostseite des Bahnhofes wurden zugemauert und durch Fenster ersetzt, von den eigentlichen Eingängen zeugen jedoch noch immer die alten Granitschwellen unter den Sockeln der Fenster

  4. Die Gästeraume des Fürsten wurden zur Bahnhofsgaststätte und zu Warteräumen für die 3. Wagenklasse

  5. Die kunstvoll geschnitzten Ortgangbretter mit an den Giebeln des Gebäudes wurden durch einfache Holzbretter mit Windfeder ersetzt

Die ursprünglich dem Hofstaat des Herzogs vorbehaltenen Wohnungen im nördlichen Teil des Erdgeschosses sowie im 1. Obergeschoss standen nun dem Bahnhofsvorsteher, den Schrankenwärtern sowie den Auszubildenden zur Verfügung. Die Bahnhofsgaststätte wurde zu einem beliebten und gut besuchten Zentrum des Ortes Lübstorf. 

Zeit des Zweiten Weltkrieges

Während des zweiten Weltkrieges hielt der Bahnhof seinen Zweck zum Personentransport und für die Abfertigung von Post und Ware bei und wurde auch zum Umschlag von Gütern genutzt, die vor dem Bombenkrieg in Sicherheit gebracht werden sollten. Am 19. Juli 1944 betrat Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg durch die Tür auf der Ostseite des Gebäudes den Bahnsteig, Schulenburg war einer der Verschwörer und hauptverantwortlicher Planer des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Von Lübstorf aus fuhr er auf direktem Weg nach Berlin zum Oberkommando der Wehrmacht im Bendlerblock um dort nach erfolgtem Staatsstreich die weiteren Maßnahmen zu ergreifen. Nach dem misslungenen Anschlag auf Adolf Hitler wurde er allerdings am gleichen Tag verhaftet und nur wenig später am 10. August 1944 zum Tode verurteilt und in Berlin Plötzensee gehängt. 

Nutzung in der Nachwendezeit

Die Nutzung zu Bahnzwecken und als Kneipe dauerte bis in die 1990er Jahre an, durch die Umstrukturierung der Reichsbahn nach der Übernahme durch die Deutsche Bahn verlor der Bahnhof jedoch seine ursprüngliche Bedeutung und die Bahn das Interesse an einer weitergehenden Nutzung. Das in den ehemaligen Räumlichkeiten des Fürsten befindliche Stellwerk wurde jedoch weiter betrieben und wird erst in den kommenden Jahren durch ein automatisiertes Stellwerk ersetzt. In der Bahnhofsgaststätte befand sich bis 2002 noch ein Pizzalieferdienst, spätestens seit 2003 standen die Räumlichkeiten vollständig leer. Die ursprünglich nur Bahnangehörigen zugestandene Nutzung der Wohnungen im Bahnhof als Wohnraum wurde auf deren Angehörige und letztendlich auf jedermann ausgeweitet. Der bis dahin letzte Mieter im Gebäude war die Lübstorfer Familie Gehs, Frau und Herr Gehs wohnten über 50 Jahre in dem Bahnhof. Beide liebten das Gebäude und wollten in ihrem hohen Alter keine neue Wohnung mehr beziehen, die fehlende Instandsetzung von Wohnung und Drohungen durch den damaligen Eigentümer aus Esslingen führten zu Ihrem Auszug im Frühjahr 2016. Seit 2018 ist die erste Wohnung im Gebäude wieder vermietet. 

 

Die äußere Fassade des historischen Empfangsgebäudes steht seit dem 19.05.1996 unter Denkmalschutz.